Interview with Duo Timoshenko & Desseva

Mikhail Timoshenko, Baritone (Russia)
Elitsa Desseva, Piano (Bulgaria)

Duo Timoshenko & Desseva won the 1st prize in the category „Duo for Voice and Piano (Lied)“ at the 2018 FS&MM. In conversation with Christian Utz and Thomas Glaser, the Russian-Bulgarian duo talks about their program composition, the musical language of our and the Schubert’s era and how to recognize yourself as a musician in your own interpretation.

Interviewers: Christian Utz is a Professor of Music Theory and Music Analysis at the University of Music and Performing Music Graz (KUG) & Thomas Glaser is a musicologist and works as academic staff (postdoctoral) at the KUG.

Letztlich ist es an den ZuhörerInnen, die Inhalte zu interpretieren. Wir machen mit der Musik sozusagen Vorschläge, jedoch keine Vorschriften. Die Musik lebt von ihrer Vieldeutigkeit.

– Elitsa Desseva

Christian Utz (CU): Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des ersten Preises beim diesjährigen FS&MM. Wie lange arbeiten Sie schon als Duo zusammen?

Elitsa Desseva (ED): Mental seit langem … (Lachen)
Mikhail Timoshenko (MT): … in der Praxis seit sieben bis acht Monaten.
ED: Wir haben uns in Weimar kennengelernt, Mikhail ist dann nach Paris gegangen, trotzdem schaffen wir es immer irgendwie, gemeinsam zu arbeiten.

CU: Nach welchen Kriterien haben Sie die Programme zusammengestellt?

ED: Das war ein langer Prozess, Geschichten gibt es viele dazu. Insgesamt haben wir sehr viel Zeit für die Programmierung verwendet. Wir haben natürlich die sehr umfangreiche Liste des Wettbewerbs zur Hilfe genommen und haben die vier Wettbewerbsrunden in einem Arbeitsgang erstellt.

Wichtig war es für uns, Querverbindungen zwischen Schubert und dem modernen Repertoire herzustellen. Zudem haben wir jeder Runde ein Thema zugrunde gelegt. Russische Musik ist dabei leider außen vor geblieben, Mikhail wäre dafür ja prädestiniert gewesen.

MT: So haben wir etwa in jedem Durchgang Dichtungen von Ernst Schulze gebracht, als eine Art roter Faden. Den recht strengen Vorgaben haben wir versucht mit einer klaren künstlerischen Linie zu begegnen.

CU: Was waren weitere Bezugspunkte außer den Schulze-Texten?

ED: In der zweiten Runde standen Personen und Charaktere im Fokus, in der dritten war der Oberbegriff „Krieg“, jedoch nicht Krieg als Einzelereignis, sondern seine Wirkungen auf den Menschen, auf dessen Seelenleben und die Umwelt.

CU: Im Finale haben Sie dagegen stärker das Thema „Liebe“ in den Vordergrund gerückt. Sehe ich das richtig?

MT: Ja, grundsätzlich schon. Jedoch wie die Kriegsthematik haben wir Liebe nicht eindimensional aufgefasst, sondern sehr vielschichtig.

ED: Was die Programmgestaltung betraf, hatten wir, wie erwähnt, klare Ideen und Vorstellungen. Letztlich ist es an den ZuhörerInnen, die Inhalte zu interpretieren. Wir machen mit der Musik sozusagen Vorschläge, jedoch keine Vorschriften. Die Musik lebt von ihrer Vieldeutigkeit.

Duo Timoshenko & Desseva at the 2018 FS&MM

concert photos © KUG / Johannes Gellner
photoshooting for the prize-winning ensembles © KUG / Clemens Nestroy

Wir leben nicht mehr in der Zeit von Schubert, unsere heutige musikalische Sprache ist eine andere. Eine ‚Rekonstruktion‘ von Schuberts Liedpraxis hat meiner Ansicht nach nur Platz im Museum.

Mikhail Timoshenko

CU: Eine Frage zu dem großen Repertoire der Lieder von Schubert: Ist es bei sehr bekannten Liedern, wie etwa Der Atlas, Der Doppelgänger, Prometheus, die Sie auch vorgetragen haben, schwieriger als bei weniger bekannten Stücken, einen eigenen interpretatorischen Zugang zu finden?

MT: Ich sehe es gar nicht als Zwang, bei Der Zwerg oder Erlkönig – um die Liste der genannten zu erweitern – unbedingt etwas Neues machen zu müssen. Wichtiger für mich ist vielmehr, dass ich mich als Sänger in der Interpretation wiedererkenne.

CU: Wie genau macht man das? Wie kann ich mir das vorstellen? Unbestritten ist, dass man von der Musik, die man während seines Lebens gehört hat, beeinflusst worden ist.

MT: Man kann beeindruckt und in gewisser Weise auch von seinen Höreindrücken beeinflusst sein, keinesfalls geht damit aber ein Impuls zur Wiederholung des Gehörten einher.

CU: Befassen Sie sich mit der Frage, wie die Lieder Schuberts zu Lebzeiten des Komponisten aufgeführt wurden?

ED: Ja, ich habe mich z.B. mit Verzierungen im Klavierpart, die in der damaligen Gegenwart üblicherweise gespielt wurden, befasst. Wichtig sich zu vergegenwärtigen ist jeweils, dass diese Dinge auf Klavieren vorgetragen wurden, deren Klang sich von modernen Instrumenten unterscheidet. Eigentlich müsste man immer mit dem Klangbild von damals ‚im Kopf‘ spielen, um die Anweisungen adäquat auf heutige Instrumente übertragen zu können.

MT: Ich möchte etwas ergänzen: Wir leben nicht mehr in der Zeit von Schubert, unsere heutige musikalische Sprache ist eine andere. Eine ‚Rekonstruktion‘ von Schuberts Liedpraxis hat meiner Ansicht nach nur Platz im Museum. Ich sehe die Gefahr, durch einen solchen Ansatz den Kontakt mit dem Publikum zu verlieren.

ED: In dieser Sache stimme ich nicht zu 100% mit Mikhail überein. Die Bedeutungsebenen der Lieder betrachte ich nicht als an einen bestimmten historischen Kontext gebunden, sondern vielmehr als überzeitlich.

Lied von Isabel Mundry
© KUG/The Schubidu Quartet/Thomas Raggam

CU: Wie sehen Sie die Entwicklung, dass die Zahl von Liederabenden im Vergleich zu anderen Konzertformaten eher zurückgeht? Gibt es Möglichkeiten, dem entgegen zu wirken?

MT: Ich sehe das nicht unbedingt kritisch. Vielleicht zeigt sich darin eher eine allgemeine Entwicklung im Konzertleben.

Thomas Glasser (TG): Darf ich an dieser Stelle nachhaken: Sie würden also dem heutigen Konzertbetrieb keine Kritik entgegen bringen wollen?

MT: Um Kritik vorzubringen, muss man im Detail über die Abläufe Bescheid wissen. Diese tiefergehenden Einsichten habe ich nicht.

ED: Ich kann in diesem Zusammenhang folgende Idee einbringen: Ich sehe eine große Diskrepanz zwischen der musikalischen Alltagskultur und dem, was im sogenannten klassischen Konzert geboten wird. Ein Weg, diese beiden Bereiche einander näher zu bringen, könnte darin bestehen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die in der jeweiligen Musik verhandelten Themen sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Wird diese Gemeinsamkeit erkannt, kann sie dazu beitragen, das Verständnis beider Seiten für die jeweils andere zu erleichtern.

CU: Gilt dies auch für das „Lied“ von Isabel Mundry? Es handelt sich um ein Stück mit abstrakten Sprachfantasien, bei dem die Klänge der Wörter ineinander übergehen und eine inhaltliche Deutung schwierig ist.

MT: Nicht jedes Lied muss eine tiefe Bedeutung haben…,

ED: …dieses ist eher offen ohne eine klar gegliederte und voranschreitende Handlung, es sind in erster Linie Zustandsbeschreibungen. Auf mich hat es in erster Linie aufgrund seiner ‚Farbe‘ gewirkt. In diesem Lied gibt es eine reiche Bandbreite an Material, das es gilt offenzulegen. Mit einer längeren Vorbereitungszeit hätten wir sicherlich noch andere Facetten herausarbeiten können.

CU: Was waren die technischen Schwierigkeiten bei der Einstudierung des Mundry-Lieds?

MT: Für mich waren es in erster Linie Fragen der Intonation. Ich habe kein absolutes Gehör und infolgedessen einige Zeit gebraucht, bis ich mir in dieser Hinsicht Sicherheit verschafft hatte.Ein zweiter Aspekt für die Aufführung ist sicherlich das Bewältigen der Wechsel zwischen Sing- und Sprechstimme und der Anteil an der Komposition, den Geräusche einnehmen.

CU/TG: Wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch.

Florentinersaal in the Palais Meran, the 2018 FS&MM’s venue in the category „Duo for Voice and Piano (Lied)“
© KUG / The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

You might like these videos as well: