Interview with Isabel Mundry

„Lied (2017)“ von Isabel Mundry ist eine Auftragskomposition für die Finalrunde der Sparte „Duo für Gesang und Klavier (Lied)“ beim FS&MM 2018.

Im Gespräch mit Joseph Breinl gibt Isabel Mundry Einblick in ihre Arbeit und die Entstehung des Lieds. Zudem hatte sie die schwierige Aufgabe zu berücksichtigen, dass die FinalistInnen lediglich 1,5 Tage für die Einstudierung des Lieds zur Verfügung hatten, um dieses in der Finalrunde der Jury sowie der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Das Interview wurde von Joseph Breinl, Vorsitzender der Jury in der Sparte „Duo für Gesang und Klavier (Lied)“ sowie Präsidiumsmitglied des Wettbewerbs, geführt.

Es gibt also eine ganz starke strukturelle Vorgabe und, was mir gleichzeitig gut gefällt, eine ständige Wiederholung durch diese feste Form und ihre Erweiterung, wodurch auch etwas Rituelles im Gedicht entsteht.

Joseph Breinl (JB): Liebe Frau Mundry, was hat Sie ganz besonders am vertonten Text inspiriert bzw. was hat Sie genau zu dieser Auswahl bewogen?

Isabel Mundry (IM): Eine gute Frage! Ich muss zugeben, dass ich derzeit, was eine mögliche Textvorlage betrifft, vielmehr an Interview-Texten als an Lyrik interessiert bin. Ich hatte diesmal kein Interesse an den klassischen Duktus des aphoristischen Liedes zu geraten, also an eine kleine romantische Einheit, selbst wenn diese im Duktus der neuen Musik daher kommt. Deshalb habe ich mich entschieden, einen Text zu nehmen, der zuerst einmal unter einer so starken strukturellen Vorgabe steht, dass er das zu Deutende nicht möglich macht.

Ich weiß nicht, ob Sie das Originalgedicht kennen: das ist ein ganzes Buch, welches nach der Fibonacci-Reihe aufgebaut ist: es beginnt mit einem Dreizeiler, das nächste Mal ist es ein Fünfzeiler usw. – es wächst also immer stärker nach einem strengen Zahlenprinzip. Jeder neue Anfang ist einem neuen Buchstaben des Alphabets gewidmet.

Es gibt also eine ganz starke strukturelle Vorgabe und, was mir gleichzeitig gut gefällt, eine ständige Wiederholung durch diese feste Form und ihre Erweiterung, wodurch auch etwas Rituelles im Gedicht entsteht. Ich glaube, das merkt man diesem kleinen vertonten Textausschnitt auch an: da ist einerseits eine Aussage, aber auch irgendwie ein formales Ritual, von dem aus Assoziationsketten gestartet werden.

Ich habe also aus einem riesigen Buch, das sich immer weiter in das Unendliche schraubt und welches irgendwann auch aufhören muss, weil die Fibonacci-Reihe jeden Umfang sprengen würde, einen kleinen Ausschnitt genommen. Und in diesem Ausschnitt ist genauso ein Stück Unendlichkeit, ein Stück Ritual drin, ein Stück strenges Regelwerk und ein Stück poetische Auslegung. Ich finde, das ist ziemlich viel für so wenige Zeilen.

© KUG / The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

JB: Ich kenne natürlich viele Ihrer Liedkompositionen, z.B. die „Anagramme“ oder das Lied „Wenn. Lied, mit und ohne Worte“ nach dem Gedicht „Belazar“ von Heinrich Heine. Kann man sagen – und verzeihen Sie mir, wenn ich hier verallgemeinere –, dass die Vertonung des Textes vielleicht überhaupt gar nicht mehr so interessant ist für Sie, sondern der Text eher Anstoß oder Inspiration ist für etwas, was aus diesem Text entstehen kann?

IM: Ich stimme Ihnen zu und muss gleichzeitig dazu sagen, dass ich mit der Komposition „Lied“ auch etwas abschließe. Das ist derzeit mein letztes Lied der Art, wo der Klang des Wortes fast wichtiger ist als der Inhalt, um es überspitzt zu sagen. Im Moment arbeite ich an einem Chorstück, in dem der Text ausschließlich gesprochen wird und der Gesang ohne Text ist. Im Gesprochenen kommt es mir extrem auf die Textverständlichkeit an.

Textvorlage ist ein Interview, das ich geführt habe. Hier verschiebt sich also gerade etwas. Derzeit bin ich sehr an lebensweltlichen Texten interessiert, wo es mir extrem um das Textverständnis geht, wo ich aber auch den Preis zahle, dass der Gesang ohne Text stattfindet.

JB: Das ist hochinteressant! Ich hoffe dennoch, die Wettbewerbskomposition ist ein abschließendes Werk einer Phase, nicht der gesamten Gattung Lied in Ihrem Schaffen… Das wäre sehr schade.

IM: Nein, überhaupt nicht, aber ich würde in Zukunft mit anderen Texten arbeiten. Ich finde das Klavierlied extrem spannend und ich würde sofort wieder weitermachen, aber das nächste Mal ein bisschen ein längeres Stück. Und dann würde ich auch mit anderen Texten arbeiten.

© KUG / The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

JB: Haben die besonderen Umstände dieses Auftragswerks, also ein Werk für einen Wettbewerb und dessen Machbarkeit für die KandidatInnen in 36 Stunden, auch einen Einfluss auf Ihre kompositorische Arbeit oder Technik gehabt bzw. mussten Sie deswegen irgendwelche Kompromisse eingehen?

IM: Klar musste ich Kompromisse eingehen, aber das stört mich nicht. Es gibt Kompromisse, die mag man nicht eingehen: wenn jemand z.B. sagt, es muss ein bestimmtes Zitat von xy vorkommen… Aber wenn ich einer Auftragskomposition zusage, dann entscheide ich mich auch für die Herausforderung.

Jetzt muss ich Ihnen aber etwas gestehen: ich dachte immer, dass der Klavierpart vorher einstudiert wird von den KorrepetitorInnen vor Ort, und die SängerInnen dann diese 36 Stunden zum Einstudieren haben. Insofern habe ich einen kleinen Schreck bekommen, als mir klar wurde, dass die armen PianistInnen ihren Part auch in zwei Tagen lernen müssen.

JB: Die PianistInnen sind leidensbereit…

IM: Da habe ich hinterher selbst Blut und Wasser geschwitzt. Aber zurück zum Stück: meine Idee war – und ich glaube, das merkt man auch – dass das Klavier der Stimme schon „zuspielt“, dass es also die Möglichkeit für die SängerInnen gibt  – vorausgesetzt das Klavier steht richtig -, relativ schnell zu lernen, woher man die Tonhöhen nimmt bei den Einsätzen.

Darauf habe ich sehr geachtet und ebenso darauf, dass die Phrasen, die zu singen sind, lernbar sind in einer so kurzen Zeit. Beim Klavier habe ich angenommen, dass es PianistInnen sind, die noch nicht so oft neue Musik gespielt haben… Darauf habe ich mehr Rücksicht genommen als auf die zwei Tage. Die PianistInnen haben es also sicher nicht leicht gehabt.

JB: Aber daran schließt sich gleich meine letzte Frage an: sind Sie einverstanden mit den künstlerischen Darbietungen gerade Ihres Werkes, und auch mit der Preisvergabe?

IM: Ja, ich habe mir die drei Duos abends angehört und ich werde das in Ruhe noch einmal tun. Und ich war sofort begeistert von der Sopranistin am Ende, also jenes Duo, das den Sonderpreis [für die beste Interpretation von Lied, Anm. der Redaktion] gewonnen hat.

JB: Sie meinen das Duo Burgos & Gerzenberg: in dieser Frage war sich die Kommission sehr schnell einig. Die Sopranistin hat Ihre Komposition unglaublich werkgetreu aufgeführt, aber eben auch sehr inspirierend und als Kunstwerk, das sie sich zu eigen gemacht hat.

IM: Genau! Dieses Duo fand ich ganz grandios! Und ich war sehr beeindruckt, wie sich die drei Duos auf verschiedene Weise das Stück zu eigen gemacht haben. Wenn ich jetzt mit ihnen arbeiten würde, würde ich vor allem an den Brüchen zwischen Singen und Sprechen feilen! Aber fein waren sie alle!

JB: Das ist eine sehr schöne Rückmeldung, vielen Dank! Und ich bedanke mich im Namen der Kommission, von Frau Britta Reininghaus, Frau Stefanie Nöst, und im Namen des ganzen Teams ganz herzlich noch einmal bei Ihnen.

IM (lacht): Danke, ich freue mich total, denn ich war schon ziemlich aufgeregt.

Sophia Burgos & Daniel Gerzenberg, Finalrunde des FS&MM 2018
© KUG / Johannes Gellner

Ich habe also aus einem riesigen Buch, das sich immer weiter in das Unendliche schraubt und welches irgendwann auch aufhören muss, weil die Fibonacci-Reihe jeden Umfang sprengen würde, einen kleinen Ausschnitt genommen.

Und in diesem Ausschnit ist genauso ein Stück Unendlichkeit, ein Stück Ritual drin, ein Stück strenges Regelwerk und ein Stück poetische Auslegung. Ich finde, das ist ziemlich viel für so wenige Zeilen.

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