Interview mit Duo Juola & Kang

Jussi Juola, Bariton/Bass (Finnland)
Eun Hye Kang, Klavier (Republik Korea)

Das Duo Juola & Kang gewann den 3. Preis der Kategorie „Duo für Gesang und Klavier (Lied)“ beim FS&MM 2018. Im Gespräch mit Christian Utz spricht das finnisch-koreanische Duo über die thematischen Zusammenhänge seines Wettbewerbsprogramms, die Herausforderungen zeitgenössischer Spiel- und Singtechniken und darüber, warum ein Konzert mit Kammer- und sinfonischer Musik ein gangbarer Weg sein könnte.

Christian Utz ist Professor für Musiktheorie und Musikanalyse an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG) und Mitherausgeber zahlreicher Publikationen.

Christian Utz (CU): Sehr herzliche Gratulation zum dritten Preis! Nach welchen Kriterien haben Sie die unterschiedlichen Programme für den Wettbewerb zusammengestellt? Was war Ihnen bei der Auswahl der Lieder wichtig?

Jussi Juola (JJ): Grundsätzlich war es unsere Idee in jeder Runde verschiedene Themen zu präsentieren. Das ist auch in der Wettbewerbsausschreibung so festgehalten gewesen.

Eun Hye Kang (EHK): Für die erste Runde wählten wir das Thema „glückliche Liebe“, für den zweiten Durchgang „unerfüllte“ bzw. „zerbrochene Liebe“, in der dritten Runde schließlich haben wir Thematiken gemischt (griechische Mythologie, Angst vor Vergessenheit, Unsterblichkeit).
JJ: Die Finalrunde war dem Wanderer-Thema gewidmet.

CU: Wie ist Ihre Einschätzung: Ist es in einem Wettbewerb ein Risiko, bekannte Lieder zu programmieren? Oder fokussieren Sie den Blick eher auf die Thematik und die Liedauswahl richtet sich entsprechend danach?

JJ: Ich denke, innerhalb eines Wettbewerbs sollte ein Lied-Duo eine möglichst breite Palette unterschiedlicher Liedtypen und Thematiken zeigen. Dass wir uns im Finale mit Mundry, Schubert, Rautavaara in dieser Hinsicht eher begrenzt haben, wurde kritisch angemerkt. Für einen Liederabend wäre diese Zusammenstellung sicherlich passend gewesen.

Jussi Juola & Eun Hye Kang beim FS&MM 2018

Es geht darum, Musik und Text in Beziehung zueinander zu bringen und die praktische Seite des Vortrags zu erarbeiten.

CU: Lassen Sie uns über das Lied „Den gelben Astern ein Lied“ von Sehyung (Sergej) Kim, Preisträger in der Kategorie Komposition Lied, sprechen. Wie war Ihre Herangehensweise an dieses Lied, das in seiner Faktur ja vergleichsweise schlicht gehalten ist?

JJ: Ich denke, dieses Lied ist wie eine Momentaufnahme: Trotz der Traurigkeit in der Welt sehe ich nur die gelben Astern und diese Astern lindern mein Gefühl von Traurigkeit, schaffen mir Erleichterung und Freude. Die Schwierigkeit für InterpretInnen ist, dass sie diesen Moment mit ihrer/seiner Stimmung festhalten müssen. Wir haben versucht, diese Stimmung durch das ganze Lied hindurch auszudrücken. Während im Gesang die Freude thematisiert wird, …

EHK: …nimmt das Klavier mit dem Ostinato eher einen Gegenpart dazu ein und drückt Schicksalshaftigkeit aus. Interpretatorisch ist die Aufführung dennoch als eine kommunikative Situation zu denken: Das Klavier spielt nicht etwa ‚gegen‘ die Singstimme, die wiederum nicht ‚gegen‘ den Klavierpart ansingt.

CU: „Lied“ von Isabel Mundry erscheint im Gegensatz zu dem Lied von Kim beinahe überdeterminiert mit Blick auf den Notentext und die darin enthaltenen Hinweise für die Aufführung. Wie sind Sie an dieses Stück herangegangen – auch vor dem Hintergrund, dass Sie es innerhalb kürzester Zeit einstudieren mussten?

EHK: Zuerst haben wir versucht zu klären, wer der Textdichter ist, danach stand das Textverständnis im Vordergrund; eine Aufgabe, die durchaus mit einigen Schwierigkeiten verbunden war. Schließlich ging es darum, Musik und Text in Beziehung zueinander zu bringen und die praktische Seite des Vortrags zu erarbeiten.

„Lied“ von Isabel Mundry
© KUG / The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

CU: Ich kann mir vorstellen, dass der ständige Wechsel zwischen Gesang- und Sprechstimme besondere Anforderungen an die SängerInnen stellt. Wie sind Sie damit umgegangen?

JJ: Der Wechsel zwischen diesen beiden Arten von Gesang ist sicher essentiell. Dazu kommt das Bemühen um die Verständlichkeit des Texts, dessen Struktur eher durch Verbindungen von Wort zu Wort als durch groß angelegte Phrasen gekennzeichnet ist.

Mundry hat in manchen Fällen zudem gegen eine ‚natürliche‘ Betonung einzelner Silben komponiert. Ich verstehe manche von Mundrys Anweisungen so, dass der Sprecher/Sänger während des Sprechens/Singens die Worte überhaupt erst zu formulieren beginnt; ein Akt von ‚Sprachfindung‘ sozusagen.

CU: Auf mich macht es den Eindruck, dass die Konzertform Liederabend in der jüngeren Vergangenheit etwas an Stellenwert eingebüßt zu haben scheint.

Würde Sie dem zustimmen und, falls ja, haben Sie eine Erklärung für diese Entwicklung? In welcher Form möchten Sie in der Zukunft Ihre Liedkunst einem Publikum darbieten?

JJ: Liedkunst verdient eine höhere Aufmerksamkeit und Präsenz im heutigen Konzertleben als ihr momentan zugedacht wird. Es gibt aber durchaus Unterschiede von Land zu Land, in der Londoner Wigmore Hall etwa werden weiterhin viele Liederabende veranstaltet.

Und vielleicht liegt es auch in der Verantwortung der Konzertveranstalter, mehr Liederabende zu programmieren und Konzerte nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten zu planen. Gemischte Programme mit Kammer- und sinfonischer Musik könnten meiner Meinung nach auch ein gangbarer Weg sein.

Mit Blick auf die Programmierung zeitgenössischer Musik sollten Konzertveranstalter den Geschmack und die Aufnahmefähigkeit des Publikums nicht unterschätzen. Aus der Verbindung von ‚traditioneller‘ und ‚neuer‘ Musik können sich spannende Synergien ergeben.

CU: Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für dieses Gespräch.

Florentinersaal, Palais Meran – Austragungsort der Kategorie „Duo für Gesang und Klavier (Lied)“

Florentinersaal, Palais Meran: Austragungsort für die Sparte „Duo für Gesang und Klavier (Lied)“
© KUG / The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

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