Belenus Quartett: „Es eröffnen sich immer wieder neue Welten.“

Das Belenus Quartett gewann den ersten Preis (Sparte: Streichquartett) und den Publikumspreis beim FS&MM 2015.

BELENUS QUARTETT
Seraina PFENNINGER – Violine (Schweiz)
Anne BATTEGAY – Violine (Schweiz)
Esther FRITZSCHE – Viola (Deutschland)
Jonas VISCHI – Violoncello (Deutschland)

Live-Aufnahme während des FS&MM 2015 (mehr Infos zur Wettbewerbs-CD finden Sie HIER.)

Franz Schubert: Streichquartett G-Dur, D 887. 4. Satz: Allegro assai
10:36

      Streichquartett G-Dur, D 887. 4. Satz: Allegro assai

 


Seraina Pfenninger (P), Anne Battgay (B), Esther Fritzsche (F), Jonas Vischi (V)
Interview: Klaus Aringer (KA), Lucia Agaibi (A), Daniel Revers (R), Peter Zottr (Z)

 

„Belenus ist der keltische Gott der Künste.“

 

Zotter: Erst einmal herzliche Gratulation zum ersten Platz. Es freut uns, dass Sie hier sind!
Alle: Vielen Dank!

Z: Wie sind Sie auf den Grazer Wettbewerb aufmerksam geworden?
Pfenninger: Wir waren schon einmal vor drei Jahren hier und unser Kammermusiklehrer hatte uns die erneute Teilnahme empfohlen.

Agaibi: Sind Sie damals in derselben Formation angetreten?
Vischi: Ich war noch nicht dabei.

A: Wie lange gibt es Ihre aktuelle Formation schon?
Fritzsche: Mit der ersten Geigerin spiele ich seit ungefähr zehn Jahren zusammen Quartett, mit der zweiten seit viereinhalb – und der Cellist ist erst knappe viereinhalb Monate dabei.

Revers: Haben Sie für den Wettbewerb mit einem speziellen Ensemble-Coach oder einer Begleitperson gearbeitet?
F: Isabel Charisius vom Alban Berg Quartett ist momentan unsere Hauptdozentin, außerdem hat uns Claudius Herrmann vom Gringolts Quartett bei den Vorbereitungen begleitet.

A: Woher kommt der Name Ihres Ensembles?
Battegay: Belenus ist der keltische Gott der Künste.

Galakonzert der PreisträgerInnen
Stefaniensaal│Grazer Congress (© Johannes Gellner)

Z: Wie lange haben Sie sich ungefähr auf diesen Wettbewerb vorbereitet?
P: Das ist schwer zu sagen. Ohne unseren Cellisten haben wir fast alle Stücke eigentlich schon einmal gespielt – außer Schnittke.

Aringer: Schnittke wurde also für den Bewerb eigens vorbereitet?
P: Ja, doch eigentlich entwickelt man die Stücke über einige Jahre hinweg, gerade bei Schubert braucht das seine Zeit.
F: Konkret haben wir eigentlich im Sommer begonnen, den Wettbewerb wirklich zu fokussieren, oder?
Alle: Ja.
F: Und dann kam der überraschende Wechsel im September mit dem Cellisten – eine Hals-über-Kopf-Aktion, die sich aber letztlich ausgezahlt hat und gut ausgegangen ist. (lacht)

R: Das waren wahrscheinlich ziemlich arbeitsreiche Monate für Euch.
Alle: Defiitiv, vor allem für Jonas! (lachen)

A: Haben Sie ein gemeinsames Lieblingsstück?
V: Ich glaube, wir mögen die meisten Stücke im Repertoire, aber während ich persönlich beispielsweise Schnittke sehr mag und nicht so ein Fan von Janáček aus der ersten Runde bin, ist sie (Seraina) begeistert von Janáček – und mag dafür Schnittke nicht besonders.

Z: Nun konkret zum Programm, das Sie gespielt haben. Wie verlief die Auswahl der Stücke? Waren Sie sich von Anfang an einig bezüglich des Repertoires, das letztlichaufgeführt wurde?
F: Wir haben schon geplant, Repertoirestücke zu nehmen, die wir in der letzten Zeit gespielt haben. Kurz hatten wir überlegt „Intime Briefe“ von Janáček dazu zu nehmen, da wir das Stück in anderer Besetzung bereits einstudiert hatten – schließlich haben wir uns für die „Kreutzersonate“ von Janáček entschieden. Im Hinblick auf das zeitgenössische Stück (von Schnieder) waren wir sehr unsicher, weil es etwas „jazzy“ ist und wir dachten, das könnte uns Kopf und Kragen kosten.V: Dieses Stück polarisiert sehr stark. Aber nach anfänglichen Bauchschmerzen, wie es denn nun bei Publikum und Jury ankommen würde, hat es letztlich doch gut funktioniert.

 

„Das Spielen im Stehen ist sehr befreiend.“

 

KA: Wie geht es Ihnen mit dem Spielen im Stehen? Schließlich waren Sie die einzigen, die auf diese Art aufgetreten sind. Von wem geht, beziehungsweise ging diese Entscheidung aus?
F: Ich hatte diese Idee eingebracht, nachdem man uns empfohlen hatte, quasi mehr aus uns zu machen. Zuerst bin ich damit auf Ablehnung gestoßen, doch dann haben wir gemerkt, wieviel Freiheit dadurch entsteht und schließlich sind wir nicht mehr zum Sitzen zurückgekehrt, weil wir es tatsächlich nicht mehr als angenehm empfinden. Für mich persönlich fühlt es sich gut an, dass gerade ich mich als Mittelstimme bewegen kann. Wenn ich mit der zweiten Geige spielen muss, rücke ich ein bisschen nach rechts, beim Cello ein bisschen nach links. Das wäre auf einem Stuhl nicht möglich, ich empfide es somit als sehr befreiend.

KA: Und wie ist diese Situation für das Cello?
V: Ich empfide es auch nicht als unangenehm, im Stehen zu spielen. Natürlich musste man sich ein wenig daran gewöhnen, schließlich habe ich in der Vergangenheit mit anderen Ensembles gearbeitet, die alle gesessen sind und
somit war diese Situation für mich neu. Wenn man aber alle zwei Tage probt und sich wirklich viel sieht, dann gewöhnt man sich relativ schnell daran. Ich fide es mittlerweile auch super, dass die Mädels auf diese Art so flexibel und beweglich sind. Außerdem kommen die Kleider dadurch besser zur Geltung.
F: Allerdings haben wir jetzt im Wettbewerb zum ersten Mal mit dem Cello auf einem Podest gespielt. Davor haben wir das noch nie probiert.
V: In der zweiten Runde stand das Podest unglücklicherweise zu weit hinten und so konnte ich kaum Kontakt zu den Anderen aufnehmen.

A: Haben Sie das Podest aus akustischen Gründen verwendet?
V: Eher geht es darum, ungefähr auf gleicher Augenhöhe zu sein, um besser interagieren zu können, und diese neue Erfahrung hat sich schon bewährt. Ich denke, dass wir diese Art zu spielen wahrscheinlich etablieren werden. Schließlich ist das Ganze ein Prozess, und man versucht natürlich immer irgendwie zu optimieren und zu schauen: Was ist sinnvoll und was eher nicht? Ich fide, dass man gerade in Wettbewerbssituationen recht schnell sieht, was in der Praxis funktioniert: Gerade unter Anspannung und Druck offnbaren sich die vermeintlichen Schwächen ganz besonders schnell, und alleine dafür war der Wettbewerb auch schon ein großer Gewinn.

 

„wir fixieren uns nicht auf eine bestimmte Richtung.“

 

R: Der Wettbewerb trägt ja den Titel „Schubert und die Musik der Moderne“. Wie stehen Sie als Quartett dem modernen Repertoire gegenüber?
B: Die Schubert-Quartette sind für mich, neben den Beethoven-Quartetten, schon auch ein bisschen die Essenz des Streichquartett-Spiels; sowohl die frühen, als auch die späten Werke aus dieser Sparte. Deswegen kann man daran wahnsinnig viel lernen und wachsen. Es eröffnen sich immer wieder neue Welten.

A: Bleibt das neu gelernte Stück (Schnittke) nun voraussichtlich auch in Ihrem Repertoire?
Alle: Ja, auf jeden Fall!
V: Allerdings muss man sagen, dass wir nicht auf neue Musik spezialisiert sind.
F: Das stimmt, wir fixieren uns auch nicht auf eine bestimmte Richtung, wie es vielleicht manch andere Ensembles tun.
B: Trotzdem sollte man immer in der Lage sein, etwas Modernes präsentieren zu können.
F: Ja, und dafür muss man zum Teil recht erfinderisch werden.

Z: Als abschließende Frage würden wir gerne wissen, wie Sie mit der Betreuung und Organisation während des Bewerbs hier in Graz zufrieden waren?
Alle: Im Grunde waren wir sehr zufrieden.
F: Der einzige, kleine Kritikpunkt betriff den Ablauf der zweiten Runde, als kurzerhand aus Zeitgründen zwei Sätze aus dem romantischen Werk gestrichen werden mussten. Das haben wir durch Zufall aus dem Livestream erfahren
und danach hatten wir relativ wenig Zeit, uns auf diese Situation einzustellen. Ansonsten war es alles in allem wirklich fantastisch!
P: Ja, die Atmosphäre war wirklich sehr angenehm: Uns wurde ein durchwegs positives Grundgefühl vermittelt und auch die Betreuung war sehr persönlich und nett.

Z: Vielen Dank für das Interview und nochmals herzliche Gratulation!


Das Interview steht auch als PDF zum Download bereit.

Noch mehr Interviews mit den PreisträgerInnen
finden Sie in der Dokumentation zum Wettbewerb!